Leseproben

Leseprobe zu Sekundensache

Prolog

Spanien, August 2008
Zeit zur Abreise. Die Zeiger seiner Armbanduhr standen auf kurz nach sieben am
Abend. Sein Blick wanderte zum Meer. Ob er es vermissen würde? Ein Seufzer entglitt
seinen Lippen und er setzte sein Basecap auf. Es war nur ein Urlaub. Das bedeutete nun
mal, für eine begrenzte Zeit den Aufenthalt an einem unbestimmten Ort zu genießen.
Manchmal kam man an diesen Ort zurück, manchmal auch nicht. Für ihn stand fest,
dass er niemals zurückkehren würde.
Vor dem Hotel, in dem er die letzten acht Tage verbracht hatte, parkte der
doppelstöckige Reisebus der Mannschaft. Die vielen Sporttaschen waren im Gepäckraum
verstaut worden, ein paar der jungen Männer hatten bereits in dem Fahrzeug Platz
genommen. Die Abreise rückte von Minute zu Minute näher. Ein letztes Mal sog er die
salzige Meeresluft tief in seine Lungen, dann wandte er sich ab und wartete am
Bordstein darauf, die Straße überqueren zu können. An diesem Abend herrschte wenig
Verkehr, weshalb er nur drei Wagen vorbeilassen musste, um zum Bus zu gelangen.
Gerade als er den Fußgängerweg betreten hatte, startete der Motor. Er stellte sich als
Letzter in die Warteschlange, die vorn einsteigen musste, um auf einer Namensliste
abgehakt zu werden. Man wollte schließlich niemanden zurücklassen.
Ob man auch Erinnerungen zurücklassen konnte?
„¡Hola!“, hörte er eine bekannte Stimme hinter sich rufen. Seine Augen weiteten sich
und der Schlag seines Herzens nahm augenblicklich zu. Jeder seiner
Mannschaftskameraden drehte sich um und sah wie er zu den drei spanischen
Männern, die herangeeilt kamen.
„¡Buenos días!“, grüßten die Spanier und blieben vor dem Bus stehen. Einer von
ihnen trat vor. „Wolltest du nach Hause fahren, ohne dich zu verabschieden, Chico?“
Ja, tatsächlich hatte er darauf gehofft, sich ohne ein peinliches Abschiedsszenario
davonstehlen zu können. Nun senkte er voller Scham den Kopf und versuchte, seine
Atmung zu kontrollieren. Seine Handinnenflächen wurden klamm und sein Magen zog
sich schmerzhaft zusammen.
„Ich muss dir noch etwas gestehen, bevor du fährst“, sagte der Spanier.
Ein unkontrollierbares Zittern durchfuhr den Körper des jungen Mannes, als er den
Blick hob und seinem Gegenüber in die Augen sah. Dieses Schokoladenbraun. Er war
ihm vom ersten Moment an hoffnungslos verfallen gewesen.
„Te echaré de menos, chico“, flüsterte der Spanier, während sich dessen warme
Finger um die seinen schlangen.
Ein Raunen ging durch die Warteschlange. Das Einsteigen schien in Vergessenheit
geraten zu sein. Es wurde getuschelt, und diejenigen, die bereits im Bus saßen, drückten
sich die Nasen an den Scheiben platt.
„Ich könnte dir schreiben“, meinte er leise und versuchte, dem Spanier sanft seine
Finger zu entziehen.
„Schreiben? Das reicht mir nicht. Ich muss dich wiedersehen!“
Das Tuscheln nahm an Lautstärke zu. Ihm fehlten jedoch die Worte. Wie stellte er
sich das vor? Sie wohnten mehr als eintausend Kilometer voneinander entfernt. Wann
sollten sie sich denn wiedersehen?„Ich muss jetzt los. Wir haben einen langen Weg“, entgegnete er und trat einen
Schritt zurück. Keinen großen, aber er wollte mit dieser Geste seinen Worten mehr
Gewicht verleihen. Er tat einen zweiten Schritt, doch der Spanier hielt ihn immer noch
fest.
„Gib mir deine Telefonnummer. Ich rufe dich morgen an.“
„Ich weiß nicht, wann wir ankommen. Ich muss jetzt wirklich los“, erfand er eine
Ausrede. Seine Hand kam frei und er wandte sich sofort ab, um zum Buseinstieg zu
gelangen.
„Chico! Warte doch!“
Noch einmal drehte er sich zu dem spanischen Mann um. Was wollte er denn noch?
Schon wieder nahm er ihn an die Hand. Die andere legte er ihm an die Wange.
„Te quiero“, hörte er ihn noch sagen, bevor sich ihre Lippen zum Kuss berührten.
Das Tuscheln verstummte und es herrschte Totenstille um die beiden Männer herum.
Eine Hitzewelle durchströmte seinen Körper und rief Erinnerungen an die vergangene
Nacht herbei, welche sich wie Schatten unter einem Schleier von zu viel Alkohol in
seinen Gedanken eingenistet hatten. Sein Mund öffnete sich einen Spalt. Die Hand an
seiner Wange löste sich und wanderte zum Nacken, wo sie mehr Druck ausübte und ihn
nach vorn zog. Er fühlte die warme Zunge zwischen seinen Lippen, dann in seinem
Mund. Die Knie wurden ihm weich, er kippte nach vorn und seine Finger krallten sich
in das weiße Poloshirt des Spaniers. In seinem Kopf begann sich alles zu drehen. Viel zu
schnell lösten sich die zarten Lippen von seinem Mund, und er öffnete die Augen, nur
um wieder in diesem traumhaft schönen Schokoladenbraun zu versinken. Diese großen
Augen, die ihn voller Temperament anstrahlten und auf eine Reaktion warteten.
„Ich …“, begann er und suchte nach Worten, die in der Lage waren, seine Gedanken
auszudrücken. Hinter ihm wurde es laut. Stimmen erklangen. Rufe waren zu hören, ein
Lachen, einzelne Worte. Nur Fetzen drangen an sein Ohr. Abartig … unnormal …
schwul.
Der Dunstschleier vor seinen Augen verzog sich. Er war nicht abartig. Und unnormal
schon gar nicht. Wieder spürte er die Lippen auf seinem Mund, doch dieses Mal stieß er
den Spanier von sich und wich zurück.
„Ich bin nicht schwul!“, rief er und hob die Arme in eine Abwehrhaltung.
Der Spanier sah ihn verdutzt an. „Was soll das denn jetzt?“
„Lass mich zufrieden! Ich bin nicht so abartig wie du!“ Er drehte sich um und lief in
Richtung Einstieg.
„Chico! Willst du mich verarschen? Bleib stehen und rede mit mir!“ Die Finger des
spanischen Mannes schlossen sich um sein Handgelenk und hielten ihn fest. Er wurde
herumgezogen und gegen den Bus gedrückt. „¡Qué coño haces! ¿Porqué?“
Er riss sich los, dann drängte er sich an seinen Kameraden vorbei und hastete in den
Bus. Sein Körper bebte, und seine Augen brannten. Schnell lief er durch den schmalen
Mittelgang. In der hintersten Ecke kauerte er sich auf einen Sitz, zog die Beine an den
Körper und schlang die Arme um seine Knie. Sein Gesicht vergrub er in der
entstandenen Kuhle. Er schämte sich so sehr.
Von draußen hörte er immer noch, wie der Spanier seinen Namen rief. Bittend,
beinahe flehend. Dann verstummten die Rufe. Es war vorbei, dachte er und blies Luft
zwischen seinen Lippen hindurch. Wasser sammelte sich in seinen Augen und in der
Nase. Seine Muskeln zitterten, die Adern in seinen Schläfen pochten. Er wollte einfach
nur noch nach Hause.Neben ihm klatschte eine Handfläche gegen die Scheibe. Er fuhr zusammen, drehte
den Kopf dennoch in Richtung der Scheibe. Da stand der Spanier. Den Blick voller
Abscheu auf ihn gerichtet. Voller Wut und Hass.
„¡Eres patético! ¡Cobarde gilipollas! ¡A la mierda!”

 

1

Deutschland, August 2012
Die Sonne verabschiedete sich mit einem Farbenspiel aus verschiedenen Rottönen am
Horizont und blendete Luca mit ihren letzten, wärmenden Strahlen. Ein Luftzug zupfte
an den ohrlangen, hellbraunen Haaren, umspielte seinen Nacken und verschwand um
die Hausecke, wo er den dort wachsenden wilden Wein rascheln ließ. Die Sommerferien
hatten vor knapp zwei Wochen begonnen. Lucas letzte große Ferien vor dem Abitur. Ein
Seufzer entwich seinen Lippen, als er sich gegen das Geländer lehnte und in den Himmel
hinaufsah. Noch ein Jahr. Dann würde sich das große Tor zur Freiheit endlich für ihn
öffnen. Dann würde er seine Sachen packen können und verschwinden.
Auf dem steinernen Belag der Terrasse waren Schritte zu hören, die Luca für einen
Moment aus seinen Gedanken rissen. Er neigte den Kopf zur Seite und schaute zu Lilly,
die sich neben ihm an das Geländer lehnte. Zwei Wochen würde er nun mit ihr
verbringen müssen. Zwei endlos lange Wochen, 450 Kilometer entfernt von seinem
Zuhause und den Großeltern, bei denen er seit neun Jahren lebte.
„Danke, dass du hergekommen bist!“, sagte Lilly.
„Hatte ich denn eine Wahl?“ Luca sah sie nicht an. Allem Anschein nach suchte sie
krampfhaft nach einer spontanen Antwort. Es dauerte etwas, bis sie ihm
kameradschaftlich gegen den Oberarm boxte und erneut das Wort ergriff.
„Sieh es doch positiv. Du kommst mal raus. Außerdem bin ich auch noch da. Das ist
Grund genug, hier zu sein.“
Wie hätte er das vergessen können? Während Luca der Meinung war, dass zwischen
Lilly und ihm ein stilles Abkommen bezüglich ihrer Freundschaft und den daraus
resultierenden tieferen Gefühlen herrschte, welches besagte, dass sie bloß Freunde oder
so etwas wie Geschwister waren, schien sie sich anderweitig orientiert zu haben. Anders
konnte er sich ihr Verhalten nicht erklären. Ihr ständiges Dauergrinsen, der immer
wiederkehrende Drang, Körperkontakt zu ihm herzustellen oder diese Bemerkungen, die
sie von sich gab, das alles waren Warnsignale. Imaginär begleitet durch rotes Warnlicht
und Gefahrensirenen.
Wäre es nach ihm gegangen, hätte er die Ferien mit ein paar Kumpels verbracht –
und nicht allein mit Lilly im Haus ihres Onkels, der sich gerade mit seiner Gattin auf
einem Luxusdampfer irgendwo auf dem Meer entspannte. Aber ihn fragte man ja nicht.
Kreisligamannschaften zu trainieren lag Lillys Familie im Blut. Nicht nur ihr Onkel tat
es, sondern auch ihr Vater. Nun war es allerdings so, dass die luxuriöse Kreuzfahrt
genau auf den Termin für das Sommerfest des SV Dunkelbach fiel. Statt einen
befreundeten Trainer damit zu beauftragen, die Mannschaft auf das Spiel vorzubereiten,
hatte Stephan Seimans diese Aufgabe seiner Nichte übertragen. Aus diesem Grund war
Lilly bereits vor einer Woche hierhergekommen. Selbstverständlich in freudiger
Erwartung auf eine Mannschaft mit herausragenden sportlichen Fähigkeiten.
Es lebe die Vorstellungskraft!
„Hast du Hunger?“, fragte sie. Luca nickte. Sein Magen knurrte schon seit Stunden
und seinen Proviant hatte er bereits während der ersten Hälfte der sechsstündigen
Zugfahrt verdrückt.
„Gut. Wir bekommen noch Gäste. Zwei aus der Mannschaft. Die bringen auch den
Hund mit.“„Den Hund?“, wiederholte Luca verwirrt. Jahrelang hatte er sich einen Hund
gewünscht, doch dieser Wunsch war ihm nie erfüllt worden. Seine Oma wollte die
Hundehaare nicht in ihrem Haus haben. Für Katzen- oder Kaninchenhaare galt übrigens
das Gleiche.
Lilly nickte und sah ihn an. „Ja, ich wollte ihn nicht alleine lassen, während ich dich
vom Bahnhof abgeholt habe.“
„Was ist es für ein Hund?“
„Keine Ahnung. Irgendetwas Haariges auf jeden Fall.“
Lilly mochte Hunde nicht besonders. Ihre einzigen Haustiere waren zwei Bartagamen,
die sie Bonnie und Clyde getauft hatte. Manchmal trug sie Bonnie auf dem Arm durch
ihr Zimmer. Luca hatte noch keine der beiden Echsen berührt. Lilly bot es ihm zwar
immer wieder an, aber er traute sich nicht. Sie waren ihm nicht geheuer. Zartes,
plüschiges Fell dagegen wirkte auf ihn wie ein Magnet. Egal, was das für ein Hund war,
der gleich zur Tür hereinspazieren sollte, Luca würde ihn lieben. Und das war bis jetzt
der einzige Grund, weshalb er die kommenden zwei Wochen genießen würde.
Aus dem Inneren des Hauses konnte man die Türklingel hören. Lilly entschuldigte
sich und ging hinein. Jetzt haderte Luca ein wenig mit sich selbst. Sollte er ihr nach
drinnen folgen oder hier warten? Der Hund würde ihn sicher sofort bemerken und zu
ihm kommen. Es gab demnach keinen Grund, ihm entgegenzulaufen. Das hätte den
Vierbeiner bloß verunsichert. Luca entschied sich also dafür, auf der Terrasse zu warten.
Die nächste Böe kam und wirbelte seine Haare auf, die er sich sofort aus der Stirn strich.
Aus dem angrenzenden Wohnbereich des Hauses waren Stimmen zu hören – und das
Getrappel von Krallen auf Laminat. Gebannt blickte Luca zur gläsernen Terrassentür.
Da stand er – mit einer Schulterhöhe von bestimmt fünfundsechzig Zentimetern und
glänzend weißem Fell. Nur sein Kopf war collietypisch braun und schwarz maskiert, und
an der rechten Flanke hatte er einen braunen Fleck. Luca strahlte über das ganze
Gesicht. Er ging in die Hocke und hielt dem Collie seine rechte Hand entgegen. Dieser
kam wedelnd auf ihn zu, beschnupperte die Finger, setzte sich und streckte ihm die linke
Pfote entgegen. Ganz vorsichtig nahm Luca sie in seine Hand und streichelte über das
seidige Fell. Die große feuchte Nase des Collies kam näher und schon im nächsten
Augenblick leckte er Luca am Kinn.
„Was sind denn das für schwule Spielereien?“
Erschrocken sah Luca zur Terrassentür. Auf Krücken gestützt stand dort ein junger
Mann – gekleidet in eine Sporthose, deren rechtes Hosenbein hochgekrempelt war und
freie Sicht auf den eingegipsten Knöchel bot. Das Shirt, welches er trug, zeigte das
verwaschene Logo des Hard Rock Cafés in Paris. Auf dem Kopf trug er ein Basecap und
auf der Nase eine dunkle Sonnenbrille. Dank der Informationen, die Luca bereits von
Lilly erhalten hatte, musste dieser junge Mann Manuel sein – der Typ, der ja so toll
Fußball spielte und so schnell sprinten konnte und jetzt so verletzt war. Und der vor
allem ziemlich blöde Sprüche abließ, noch bevor er sich vorgestellt hatte. Nicht, dass
Luca Fremden gegenüber skeptisch oder abweisend eingestellt gewesen wäre, aber es
gab einfach Dinge, die er nicht ausstehen konnte.
„Du wolltest ein Bier?“ Hinter Manuel tauchte ein weiterer junger Mann auf. Groß –
mindestens einen Meter und neunzig. Sein Körper leicht muskulös, mit einer schmalen
Taille und einer breiten Brust, über der das weiße T-Shirt spannte. Als er auf die Terrasse
trat, spielte der Wind mit seinen dunklen Haaren, die ihm über den Nacken reichten und
in feinen Strähnen in die Stirn gegelt waren. Sonnenlicht brach sich in den langen
Wimpern und betonte seine saphirblauen Augen. Dazu die schmale, lange Nase und die
geschwungenen Lippen, die in den Mundwinkeln feucht glänzten. Einfach zum Küssen.Links unter der Unterlippe besaß er ein kleines Muttermal. Luca schätzte ihn auf Mitte
zwanzig – wie den Sprüche klopfenden Sonnenbrillenträger neben ihm.
„Hi“, grüßte Luca heiser. Schnell räusperte er sich und hielt dem Dunkelhaarigen die
Hand entgegen. „Ich bin Luca.“
„Bela. Freut mich“, antwortete dieser und ergriff Lucas Hand. Seine Haut fühlte sich
zart an. Sein Händedruck dagegen war fest.
„Bela? Ernsthaft?“, fragte Luca und zog die Brauen hoch.
„Ja. Meine Eltern waren ziemlich große Ärzte-Fans.“
„Und dann benennen sie dich nach dem Gitarristen?“
„Drummer!“, berichtigte Bela und erntete von Luca nur ein keckes Grinsen.
„Punkrock also?“
„Ist nicht totzukriegen.“ Bela ließ seinen Blick zu dem Collie wandern, der sich neben
Lucas Beine gesetzt hatte und den neuen Gast ohne Unterbrechung ansah. „Sieht so aus,
als ob Heaven dich mag.“
„Ich sagte ja, der Hund ist schwul“, warf Manuel ein und nahm einen kräftigen
Schluck aus der Bierflasche, die Bela ihm mitgebracht hatte.
„Wie kommst du darauf?“, erkundigte sich Bela.
„Vorhin hat er ihn geleckt. Ist wohl eindeutig.“
Bela gab darauf keine Antwort. Er schaute stumm zu Luca und zwinkerte ihm zu.
Dann wandte er sich ab und begab sich zurück ins Haus. Luca folgte ihm. Er ging durch
das Wohnzimmer in den Flur und von dort in die Küche, wo Lilly gerade einen Kochtopf
aus einem der unteren Küchenschränke holte. Es war eine kleine Küche mit einer
dunklen Holzfront. Oder eher Pressspanplatten, die mit Holzoptik vortäuschender Folie
beklebt worden waren. Der Raum an sich war schon ziemlich klein. Die komplette
Küchenzeile befand sich links an der Wand. Angefangen mit einem Kühlschrank, freier
Arbeitsfläche, einem typischen Glaskeramikkochfeld, noch mal freier Arbeitsfläche,
einem Spülbecken und zum Abschluss einem Vorratsschrank. Über der Arbeitsfläche
hingen die passenden Hängeschränke. Ein großes Fenster beanspruchte beinahe die
komplette Wand gegenüber der Tür. Und ganz rechts stand ein kleiner Tisch mit zwei
Stühlen. Eine gefüllte Stofftasche zog Lucas Aufmerksamkeit auf sich.
„Was gibt es eigentlich zu essen?“, wollte er wissen.
„Keine Ahnung. Bela kocht“, antwortete Lilly und winkte ab. „Kommst du mit ins
Wohnzimmer? Manuel und ich wollen uns Freddy vs. Jason ansehen.“ Mit diesen
Worten nahm sie aus dem Kühlschrank eine Bierflasche und verließ die Küche.
Luca blieb stehen und kratzte sich am Hinterkopf. Freddy vs. Jason? Darauf wollte er
lieber verzichten. Nichts gegen Jason Voorhees, aber von Freddy Krueger bekam er
Albträume. Und das nicht zu knapp. Er hatte einmal, und das auch mehr aus Zufall,
einen Film mit ihm gesehen. Am Ende war er zwei Wochen von solch heftigen
Albträumen gequält worden, dass er nachts schreiend aufgewacht war. Eine
Wiederholung davon brauchte er nun wirklich nicht.
„Also wegen mir musst du nicht hier in der Küche rumhängen“, meinte Bela.
„Nein, schon gut. Ich steh nicht so auf Horrorfilme.“ Außerdem wollte Luca nicht mit
Manuel auf der Couch sitzen.
Bela nickte und griff nach dem Kochtopf. Er füllte Wasser hinein und stellte ihn
anschließend auf den Herd. Dann sah er wieder zu Luca.
„Wasch dir die Hände“, verlangte er und fing an, die Lebensmittel aus der Stofftasche
hervorzuholen. Basilikum, Pinienkerne, Öl, Parmesan.
Luca trat ans Spülbecken und beobachtete ihn.
„Wir brauchen ungefähr 80 Gramm von dem Basilikum. Abzupfen und waschen.“Luca begann auf Belas Anweisung hin ein Pesto zuzubereiten. Leider durfte er nicht
den Mixer verwenden, sondern sollte alles von Hand mit dem Mörser pürieren.
„Davon bekomm ich einen Tennisarm“, klagte Luca und zerquetschte die Pinienkerne.
Bela konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen. „Nur davon?“
„Wovon sonst?“ Luca hielt inne.
Bela schien zu überlegen und ließ seinen Blick deutlich über Lucas Körpermitte
gleiten, was diesem ein angenehmes Kribbeln bescherte. „Keine Ahnung. Sag du es mir.“
Dabei grinste er frech. Dann wandte er sich ab, schob vier leere Teller in den Backofen
und schaltete diesen ein.
„Schließt du immer so schnell von dir auf andere?“, konterte Luca.
Bela lachte nur mit seiner angenehmen Stimme. Er streute etwas Salz in das Wasser
und wartete darauf, dass es anfing zu kochen. Ein erneuter Griff in die Stofftasche, und
er zog zwei Päckchen Nudeln hervor. Spaghetti und Makkaroni. Er hielt jeweils eine
Packung in jeder Hand und wiegte sie hin und her.
Luca kämpfte immer noch gegen die Pinienkerne an und blickte zur Seite. Auf Belas
Stirn bildeten sich Falten.
„Alles in Ordnung?“, fragte Luca. Bela nickte und zeigte ihm die beiden
Plastikverpackungen.
„Hast du mal versucht, Spaghetti in Makkaroni zu fädeln?“
Luca schüttelte den Kopf. Warum sollte er so was jemals versucht haben?
„Ich schon“, entgegnete Bela.
„Hat es funktioniert?“
„Nein. Ich hätte die Nudeln vorher nicht kochen sollen.“
Augenblicklich breitete sich ein Grinsen auf Lucas Gesicht aus, welches von Bela
erwidert wurde. Dieser Mann sah wirklich schön aus, wenn er lächelte. Doch was war
das? Luca stutzte und starrte auf Belas Mund. Dieser bemerkte den
Stimmungsumschwung und blickte ihn fragend an. Langsam führte Luca seinen
Zeigefinger an den eigenen Mund und tippte sich gegen die Unterlippe. Bela verstand
sofort und streckte ihm die Zunge heraus. Er hatte sich also doch nicht verguckt. In Belas
Zunge steckte ein Piercing. Schwarz und glänzend. Es sah heiß aus. Sofort biss sich Luca
für diesen Gedanken strafend auf die Unterlippe. Dann räusperte er sich und
malträtierte die Pinienkerne weiter. Seine Großeltern würden ihm niemals ein Piercing
durchgehen lassen. Als er um Erlaubnis gebeten hatte, sich einen Ohrring stechen lassen
zu dürfen, war seine Oma an die Decke gegangen. Es wäre unsittlich und Schmuck
gehöre nur zu Frauen. Ausgenommen waren Armbanduhren und Eheringe.
„Dicke Nudeln oder dünne?“ Bela knisterte mit der Plastikverpackung.
Luca wählte die Makkaroni, die Bela anschließend aufriss und ins sprudelnde Wasser
fallen ließ. Ein paar Spaghetti fanden ebenfalls ihren Weg in den Kochtopf. Schnell warf
er noch einen Blick auf die empfohlene Garzeit, dann wanderte die leere
Plastikverpackung in den Verpackungsmüll.
„Wie kommt’s, dass du hier kochst?“
„Deine Freundin da drüben“, Bela deutete in Richtung Wohnzimmer, „lässt sogar
Mikrowellengerichte anbrennen. Und da wir davon ausgegangen sind, dass du vor
Hunger umkommen musst, übernehme ich das Kochen.“
Der Kommentar über Lillys Kochkunst ließ Luca schmunzeln.
„Außerdem koche ich verdammt gut“, fügte Bela hinzu.
„Ich sehe es“, antwortete Luca. „Das mit dem Nudelwasser hast du echt gut
hinbekommen.“ Er konnte gar nicht schnell genug reagieren, als er auch schon Belas
Faust am Oberarm spürte. Kurz zuckte er zusammen und sah ihn an. „Hätte ich gewusst,
dass ich hier misshandelt werde, wäre ich besser zu Hause geblieben!“Bela schüttelte grinsend den Kopf. Dann verließ er die Küche. Mit gerunzelter Stirn
schaute Luca ihm nach. Das weiße Shirt war etwas nach oben gerutscht und gab freie
Sicht auf Belas knackig enge Jeans. Bedauerlicherweise verschwand dieser
Wahnsinnshintern zu schnell aus seinem Sichtfeld. Er ermahnte sich, nicht so auffällig
zu starren. Seine Schneidezähne bohrten sich in die Unterlippe. Bei solch prallen,
runden Backen konnte er einfach nicht wegsehen.
Nach einigen Minuten warf Luca einen Blick auf die Küchenuhr. Jemand musste sich
um die Nudeln kümmern. Den Kampf gegen die Pinienkerne hatte er zwischenzeitlich
gewonnen.
Bela kam zurück und sah Luca prüfend über die Schulter. Dabei stand er so dicht
hinter ihm, dass er mit seinem Oberkörper Lucas Rücken streifte. Lucas Nackenhärchen
stellten sich auf. Ein warmer Schauer jagte über seine Haut und ließ ihn erzittern. Dann
ließ Bela auch schon wieder von ihm ab, öffnete ein paar Schubladen, fand das Besteck
und nahm eine Gabel heraus. Er fischte eine Spaghetti aus dem sprudelnden Wasser,
hielt sie zwischen Zeigefinger und Daumen und warf sie gegen den Kühlschrank.
„Was machst du denn da?“, fragte Luca überrascht.
Bela betrachtete die Nudel, die an der Kühlschranktür kleben blieb.
„Essen ist fertig“, rief er und entfernte die Nudel mit einem Küchenpapier. „Diese
Technik habe ich in einer Fernsehwerbung gesehen. Großartig, was?“
„Sind die Makkaroni auch durch?“ Luca lugte neugierig in den Kochtopf.
Bela zuckte mit den Schultern. Davon ging er wohl aus. Die Garzeiten auf den beiden
Packungen waren identisch. Er fischte eine Makkaroni aus dem Wasser, schaltete die
Kochplatte aus und schob den Kochtopf zur Seite.
„Hier!“, sagte er und streckte Luca die Nudel entgegen. „Vorsicht, heiß!“ Er hielt die
Nudel wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und führte sie zu Lucas Mund. Dieser
ließ sich füttern.
„Und?“, erkundigte sich Bela. Luca keuchte und fächerte sich mit beiden Händen Luft
zu. „Heiß?“
Luca nickte, hob aber den rechten Daumen. Bela grinste und goss die Nudeln ab. Er
nahm die vorgewärmten Teller aus dem Backofen und verteilte die Nudeln darauf. Auf
jede Portion gab er etwas Pesto und geriebenen Parmesan. Die Löffel und Gabeln steckte
er sich in seine Hosentasche, dann griff er nach zwei Tellern.
Luca nahm die beiden anderen und folgte Bela aus der Küche.
Im Wohnzimmer brannten Kerzen, und das große Sofa war zu einer Liegewiese
ausgezogen. Der Film war angehalten worden und zeigte die Fratze von Freddy Krueger.
Luca lief es eiskalt den Rücken runter. Schnell setzte er sich mit dem Rücken zum
Fernseher. Ein weiterer Schauer ließ ihn erzittern. Er fühlte sich von dieser Gestalt
förmlich beobachtet.
Bela reichte Lilly und Manuel einen Teller, angelte dann nach der Fernbedienung und
schaltete den Fernseher aus.
„Danke“, wisperte Luca kaum hörbar.
Bela zwinkerte ihm zu und nahm sich einen Teller aus Lucas Händen. Dabei
berührten sich ihre Finger. Ob das Absicht war?
Eine unangenehme Stille herrschte im Raum, gelegentlich unterbrochen durch das
Klappern des Bestecks auf Porzellan. Luca beobachtete Bela immer wieder aus dem
Augenwinkel. Ihm gefielen seine Arme. Unter der sonnengebräunten Haut waren die
Muskeln zu erkennen. Ob er wohl ein Sixpack hatte?
Etwas Kaltes stieß Luca unerwartet am Ellenbogen, woraufhin er zusammenzuckte.
Freudig wedelnd stand Heaven neben dem Sofa und bettelte.„Pfui!“ Lilly versuchte den Hund mit abwehrenden Bewegungen ihrer rechten Hand
zu vertreiben.
„Er hat noch nicht gegessen“, erklärte Bela und schob sich eine Gabel voller Nudeln in
den Mund.
„Dann muss er warten, bis ich ihm etwas gebe! Ich bin doch nicht die Dienerin dieses
Zottelviehs!“
Heaven fiepte und ließ die Ohren hängen, während er immer wieder sanft gegen
Lucas Arm stupste. Dieser nahm eine Nudel in die Finger und hielt sie dem Hund
entgegen.
„Mann, wie eklig bist du denn?“, fragte Manuel und verzog angewidert das Gesicht.
Wortlos stand Bela mit seinem Teller in der Hand auf und verließ das Wohnzimmer.
„Heaven! Hier!“, rief er aus der Küche. Heaven jedoch machte keine Anstalten, seinen
Platz zu verlassen. Erst als Luca sich ebenfalls erhob, sprang der Collie auf und tänzelte
um ihn herum – so lange, bis sie in der Küche standen, wo Bela die Hälfte einer
Fleischmahlzeit für Hunde in einen Napf füllte und anschließend auf den Boden stellte.
Dann nahm er am Küchentisch Platz und aß weiter. Luca tat es ihm gleich. Seine
schlechte Meinung über Manuel festigte sich immer mehr.
„Spielst du schon lange?“, erkundigte sich Bela und schaute ihn mit seinen großen
blauen Augen an.
„Schon immer. Aber im Verein erst seit ein paar Jahren.“
„Und du spielst im Mittelfeld?“
Luca nickte.
„Defensive?“
„Offensive!“, widersprach Luca und nahm einen Bissen.
„Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Ja, ich werde ständig unterschätzt.“ Luca beobachtete Heaven, wie dieser genüsslich
seinen Napf ausleckte.
Schweigend saßen sich die beiden Männer gegenüber, nachdem sie fertig gegessen
hatten. Bela spielte mit seinem Zungenpiercing, klemmte den Stab zwischen seine
Lippen, sodass eine Kugel außerhalb seines Mundes zu sehen war. Dann ließ er sie von
einem Mundwinkel zum anderen wandern. Luca sah ihm dabei fasziniert zu. Aus dem
Wohnzimmer waren Horrormusik und Schreie zu hören. Hätte die Küche eine Tür
gehabt, hätte Luca sie sofort geschlossen. So drehte er sich immer wieder nach hinten
um. Jedes Geräusch bereitete ihm eine Gänsehaut.
Bela räumte schließlich das schmutzige Geschirr ab und stellte es ins Spülbecken.
„Schläfst du im Gästezimmer?“
Luca nickte abermals kurz.
„Gehen wir rauf?“
Ohne zu zögern, erhob sich Luca von seinem Platz. Er verließ von Bela gefolgt die
Küche und schritt durch den Flur bis zur Haustür, neben der eine hölzerne, offene
Treppe in das obere Stockwerk führte. Sie gingen hoch und steuerten das erste Zimmer
auf der rechten Seite an. Lucas Zimmer. Heaven huschte mit hinein und legte sich auf
den Läufer vor dem Bett, welches an der Wand mit dem Fenster stand. Bela schloss die
Tür und wartete, bis Luca die schummrige Nachttischlampe eingeschaltet hatte. Das
Gästezimmer war übersichtlich eingerichtet. Es gab eine Kommode, ein Bett und einen
Nachttisch. Dazu den Läufer und Gardinen, die das geöffnete Fenster umrahmten.
„Setz dich“, bat Luca und bemerkte zu spät den Fauxpas. Wo hätte sich Bela denn
hinsetzen sollen? Noch ehe Luca etwas hinzufügen konnte, saß Bela bereits neben
Heaven auf dem Läufer und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Bett. Seine Augen
waren dabei auf Luca gerichtet.„Mach dir nichts aus Manuels Sprüchen. Als Taktgefühl verteilt wurde, stand er ganz
hinten in der Reihe. Außerdem mag er keine Hunde. Sie sind ihm zu unhygienisch.“
„Hunde sind sauberer als manche Menschen“, erwiderte Luca. Er ging an Bela vorbei
und setzte sich auf die Matratze. Dieser rückte herum und beobachtete Luca dabei, wie
er sich auf die gefaltete Bettdecke legte und durch das geöffnete Fenster in den
Nachthimmel hinaussah.
„Was gibt es denn da zu sehen?“, erkundigte sich Bela.
„Sterne. Millionen von Sternen.“ Luca drehte den Kopf in Belas Richtung. „Willst du
mal schauen?“
Bela erhob sich, streifte sich die Schuhe ab und stieg zu Luca auf das Bett. Er kniete
sich direkt neben ihn und stützte seine Hände auf dem Fensterbrett ab. „Von meinem
Schlafzimmer aus sehe ich keinen Himmel. Souterrain.“
Luca nickte nur stumm. Er bewunderte die Sehnen an den Armen, die sich direkt über
seinem Kopf befanden.
„Versperre ich dir die Sicht?“, fragte Bela und setzte sich auf seine Fersen, um Luca
wieder den Blick nach draußen zu ermöglichen.
„Nein“, antwortete Luca und setzte sich ebenfalls auf.
„Ich mag deinen Akzent“, gestand Bela und schaute ihm in die Augen. „¿De dónde
eres?“
„Soy de Barcelona.“
„Habe ich es mir doch gedacht. Du bist Spanier.“
„Anderenfalls hätte ich wohl kaum auf deine spanische Frage geantwortet.“
„Nein, hättest du wohl nicht“, stimmte Bela ihm zu. „Und seit wann …“
„Tat das eigentlich weh mit dem Piercing?“, fiel Luca ihm ins Wort. Über die
Umstände seines zu lang andauernden Deutschlandbesuches sprach er nur unter Protest.
Glücklicherweise schien Bela den erzwungenen Themenwechsel zu begreifen, denn er
schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief ein. Wie schön er dabei
aussah.
„Würde ich sagen, es tat nicht weh, wäre das eine Lüge. Es ist ein besonderer
Schmerz. Einer, den ich wollte. Schwierig zu erklären. Allerdings musste ich mich eine
Zeit lang von Babygläschen ernähren und immer eine antibakterielle Mundspülung
griffbereit haben. Das hat dann doch genervt. Aber um deine Frage zu beantworten,
würde ich sagen, dass man es aushalten kann. Hast du Piercings? Oder einen Ohrring?
Durch deine Haare sieht man es nicht richtig.“
Luca schüttelte den Kopf. „Nein. Als ich zu Hause für einen Ohrring angefragt hatte,
glich die darauffolgende Reaktion eher dem Weltuntergangsszenario.“
„Ein Ohrring ist doch halb so wild“, meinte Bela.
„Scheinbar schon.“
Wie in Zeitlupe wanderten Lucas Augen über Belas Hals, um den er zwei ineinander
verknotete schwarze Lederbändchen trug. Im V-Ausschnitt seines Shirts konnte man
einen Blick auf seine Brust ergattern – und auf das Schlüsselbein, welches sich unter der
Haut abzeichnete. Luca sog tief Luft ein. Von Bela ging ein angenehmer Geruch aus. Eine
Mischung aus Blutorange und bitterer Schokolade.
„Träumst du?“
Sofort fühlte Luca sich ertappt. Blut schoss ihm in die Wangen und färbte sie rot. Er
drehte sich schnell zum Fenster, legte die Arme auf den kalten Stein des Fensterbrettes und schaute hinauf in den Himmel. Träumen? Nein. Er versuchte bloß, möglichst viele
Details zu bemerken und diese irgendwo in seinem Kopf abzuspeichern. „Ich bin wach.“
Die Matratze bewegte sich und Bela gesellte sich wieder zu ihm. Seine Arme lagen
ebenfalls auf dem Stein, und er berührte Lucas Ellenbogen.
„Dann hast du mir etwas voraus. Ich glaube, ich renne schon mein ganzes Leben lang
in einem Zustand durch die Welt, den man nicht als wach bezeichnen würde.“
„Sondern?“
Bela drehte seinen Kopf in Lucas Richtung. „Träumend“, sagte er, wobei sich seine
Stimme am Ende hob und Luca das Gefühl gab, dass Bela sich dieser Bezeichnung selbst
nicht sicher war.
„Wie soll das gehen? Du läufst doch nicht träumend durch die Welt.“
„Wieso nicht? Ich habe mal gelesen, dass manche Menschen ein ganzes Leben leben
können, ohne jemals wach gewesen zu sein.“
„Was für einen Film fährst du denn?“, fragte Luca. Er wollte lachen, doch ein Blick in
Belas Augen löschte jeden Gedanken aus seinem Kopf. Nur das Rauschen seines Blutes in
den Schläfen war zu hören, und das glich mehr einer künstlich erzeugten Theta-Welle
mit einer Frequenz von 4 Hertz, die ihn in einen tranceähnlichen Zustand zwischen
Wachheit und Schlaf versetzte. Wo war er? Was tat er hier überhaupt? Ein Windzug
spielte mit Belas Haaren und vermittelte Luca das Gefühl, sich mitten in einem Hurrikan
zu befinden. Auch das Rascheln des Bettlakens, welches Bela verursachte, als er seinen
Oberkörper Luca zuwandte, klang viel lauter als sonst. Bela hatte seinen linken Arm von
der Fensterbank gehoben, und seine Fingerkuppen berührten Luca. Beide schreckten
sofort auf.
„Au! Was war das denn?“, rief Luca und hielt sich die Stelle am Arm, an der er gerade
einen elektrischen Schlag bekommen hatte.
„Ich hab mich wohl aufgeladen. Tut mir leid!“
Luca winkte ab. So schlimm war es nun auch wieder nicht. „Ich schätze mal, du bist
jetzt wach.“ Er grinste.
„Möglich“, antwortete Bela und wandte den Blick ab. „Es ist übrigens echt klasse, dass
das bei dir so schnell geklappt hat. Mit dem Herkommen, meine ich.“
„Ja, ich hatte zufällig nichts zu tun“, entgegnete Luca und rieb sich den Nacken. Dann
sah er wieder hinaus. Über ihm gab es weit und breit keine einzige Wolke, die ihm die
Sicht auf das Sternenmeer hätte versperren können. Bildete er sich das nur ein oder
glänzten manche Sterne rot und andere weiß?
„Wie? Keine Sehnsucht nach ihr gehabt?“, murmelte Bela und schaute ihn wieder an.
Luca konnte nicht anders als mit den Augen zu rollen. „Doch. Und wie. Als ob ich
Fußpilz vermissen würde.“
„Fieser Tiefschlag. Läuft wohl nicht so gut bei euch, was?“
„Im Moment ist es etwas schwierig, mit ihr befreundet zu sein.“
„Das heißt?“, hakte Bela nach.
„Sagen wir einfach, unsere Interessen haben sich in den letzten Wochen und
Monaten ein wenig voneinander distanziert.“
„Immerhin war sie ziemlich aus dem Häuschen darüber, dass du zugesagt hast,
herzukommen.“
„Kann ich mir vorstellen. Dass ich das eigentlich nicht wollte, interessiert nur
niemanden. Aber meine Erziehungsberechtigten hielten es für eine ganz tolle Idee, mich
zwei Wochen mit ihr zusammen in ein Haus zu sperren. Wo sie doch so ein toller Fang
ist.“ Luca stöhnte genervt auf, und Bela begann zu lachen. Was daran so komisch war,
verstand Luca nicht. Erst als Bela sich wieder beruhigt hatte, sagte er: „Klingt fast nach Zwangsheirat,
wenn man dir zuhört. Was verlangen sie denn für dich? Ein Kamel? Oder zwei Esel?“
Jetzt konnte sich auch Luca ein Schmunzeln nicht verkneifen. Zwangsheirat? Er
betete, dass es niemals so weit kommen würde. Diese Zeiten waren schließlich vorbei.
Und für den Fall, dass seine Großeltern, insbesondere seine Oma, noch im Mittelalter
leben sollten und wirklich auf eine solche Schnapsidee kommen würden, müsste ein
Plan B her. Allerdings fiel ihm außer Weglaufen nichts Gescheites ein. Luca seufzte. „Ist
vielleicht ganz gut, mal zu Hause raus zu sein. Es läuft alles nicht so besonders rund. Ich
bin angeblich unausstehlich und zu sehr neben der Spur.“
„Und?“, erkundigte sich Bela. „Bist du neben der Spur?“
„Nein. Vielleicht. Ja, kann sein.“
„Hat man hier Multiple Choice?”, fragte Bela.
„Ja. Wahrscheinlich bin ich wirklich ein bisschen daneben“, gab Luca zu und betonte
den letzten Teil des Satzes dadurch, dass er mit seinen Fingern Anführungszeichen in der
Luft andeutete.
„Ist das ein Problem für dich?“
„Nein.“ Luca sah Bela in die Augen. „Fühlt sich gut an, neben der Spur zu sein.“
Wieder kehrte Stille ein, in der sie sich nur anschauten. Neben der Spur? Wieso hatte
Luca das Gefühl, dass er mit diesem Ausspruch nicht das Gleiche gemeint hatte wie seine
Oma? Für sie bedeutete das, dass er sich fernab der häuslichen Regeln benahm, was so
viel hieß, wie, dass er nicht mehr zu allem Ja und Amen sagte. Jetzt aber schien dieses
„neben der Spur“ sehr viel mehr zu bedeuten. So viel mehr, dass es Luca ganz flau im
Magen wurde. Er beobachtete Bela, wie dieser seine Sitzposition erneut veränderte und
sich ihm weiter zuwandte.
„Bela! Bist du oben?“, rief Manuel aus dem unteren Stockwerk. Bela war sofort auf
den Beinen und verließ das Zimmer. Luca folgte ihm.
„Was machst du denn da oben? Komm runter. Ich muss nach Hause. Meine Mutter
hat sich mit der Fonduegabel in den Finger gestochen und mein Vater hat schon zweimal
deswegen hier angerufen“, erklärte Manuel, der am Treppenabsatz stand. Ein genervtes
Stöhnen entwich Belas Lippen. Er sah zu Luca und verdrehte die Augen. Dann ging er
ins Zimmer zurück, setzte sich auf die Bettkante und zog seine Schuhe an.
„Ich muss das Leiden Christi nach Hause begleiten. Er hat Angst, mit seinen Krücken
auf die Fresse zu fallen, wenn er allein läuft. Jetzt muss ich wie ein Babysitter neben ihm
herrennen.“
Stumm vergrub Luca die Hände in den Seitentaschen seiner Jeans. Bela stand auf und
trat ihm gegenüber. „Wir sehen uns.“
„Ja“, antwortete Luca und versuchte die Enttäuschung in seiner Stimme zu
unterdrücken. Am liebsten hätte er Bela gebeten, nicht fortzugehen, doch allein bei dem
Gedanken kam er sich lächerlich vor. Wie hätte das ausgesehen, wenn er einen
erwachsenen Mann, den er nur wenige Stunden kannte, darum bitten würde, ihn nicht
zu verlassen?
„Bela!“, brüllte Manuel vom Treppenabsatz.
„Dem ramme ich seine Krücken noch irgendwann in den Hals“, knurrte Bela und
verließ das Zimmer.
Luca blieb allein zurück, den Blick auf das geöffnete Fenster gerichtet. Er versuchte
sich einzureden, dass es nicht so schlimm war, dass Bela so schnell aufbrechen musste,
doch wem wollte er hier etwas vormachen? Er presste die Augen zusammen und führte
seine rechte Hand zur Stirn.
„Mach dich nicht verrückt“, ermahnte er sich selbst. Er trat einen Schritt nach vorn,
um das Fenster zu schließen, als er Schritte hinter sich hörte. Zum Umdrehen bekam er keine Gelegenheit mehr, denn zwei feste Arme schlangen sich um seine Schultern und
drückten ihn. Der Duft von Schokolade stieg ihm erneut in die Nase, und als er dann
noch Belas Lippen an seiner Wange spürte, schaltete Lucas Gehirn endgültig auf Standby.
„¡Hasta luego!“, flüsterte Bela ihm ins Ohr, dann verschwand er endgültig.

Newsletter

Ab sofort könnt ihr euch für den kostenlosen Newsletter anmelden. Hier bekommt ihr regelmäßig virtuelle Post von mir und seid informiert über VÖ-Termine, Gewinnspiele usw. Schickt dazu einfach eine Email mit dem Inhalt "Newsletter an", sowie eurem Namen an folgende Adresse:

News

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Alexej Winter